Der Nachbarhund hat es mal wieder geschafft – dieses kleine Mistvieh mit seinem ewigen Gebell! Ich habe es satt, mich ständig durch sein nerviges Kläffen wecken zu lassen. Ich sollte unbedingt raus an die frische Luft. Vielleicht lenkt mich das ja ab von meinem dringenden Verlangen, das Haus des Nachbarn anzuzünden. Dieser … ich sag’s ja immer – so ein Hundehalter ist auch nicht besser als sein Köter. Ständig rückt mir irgendein Widerling auf die Pelle und macht mir das Leben zur Hölle. Ich ziehe mich hastig an. Meine Hausschuhe sind mal wieder verschwunden. Wo habt ihr euch versteckt, ihr blöden Latschen? Na wartet, wenn ich euch finde, landet ihr im Müll!

Draußen ist es neblig und feucht. Ich gehe auf einem glitschigen Pfad durch einen finsteren Wald. Fast alle Blätter sind schon abgefallen und haben die grauen Stämme der halbtoten Bäume entblößt. Weshalb nur wohne ich inmitten dieses düsteren Sumpfes?

Ich zünde mir eine Zigarette an. Irgendwie habe ich gar keine Lust zu rauchen, es ist mehr eine Gewohnheit, die mich dazu zwingt. Aber muss ich wirklich? Wieso ist für mich das Rauchen zur Pflicht geworden? Und dann noch morgens auf nüchternen Magen – eigentlich ziemlich ekelhaft. Tja, früher, in fröhlicher Runde, das war noch etwas anderes – die Zigarette war für mich damals eine Art Symbol für Mode, Freiheit und Selbstbewusstsein. Doch alle Partys haben ihr Ende, und dann beginnt der graue Alltag mit all seinen Problemen – so morastig wie die Regenpfützen. Und bei jedem Problem tröstest du dich mehrmals mit einer Zigarette, als ob du dir sagen würdest: So jetzt rauche ich eine zur Erholung, um dann von neuem in diese lästige Routine einzutauchen.

Der Zigarettenqualm tritt mir in die Augen, und wie ein trotziges Kind bedecke ich sie mit meinen Händen. Ach, wie mir alles zum Halse heraushängt! Und jetzt, sozusagen zur Bestätigung meiner Gedanken, peitscht mir ein tückisch gekrümmter Birkenzweig schmerzhaft ins Gesicht! Malefizstück, elendes! Vor lauter Wut knicke ich ihn um und lasse ihn zur Seite schnellen. Lose am Baum hängend, fängt er an, wie ein Hampelmann hin und her zu tänzeln und kleine Hopser zu machen, als wollte er mir meine ganze Ohnmacht vorführen, irgendetwas in dieser Welt zu verändern. Niedergeschlagen schleppe ich mich weiter.

Immer wenn ich versuche, mit dieser Welt zu kämpfen, gibt sie zunächst nach und erfüllt mich mit Hoffnung, doch bloß, um mir dann unverhofft einen gehörigen Nasenstüber zu versetzen. Nur Kinohelden steuern geradewegs auf ihr Ziel zu und räumen dabei spielend alle Hindernisse aus dem Weg. In Wirklichkeit ist es ganz anders. Das Leben ähnelt einem Roulettespiel. Zuerst gewinnst du – ein, zwei, vielleicht auch drei Mal. Du wähnst dich als Sieger und bildest dir schon ein, die ganze Welt in der Tasche zu haben, doch am Ende hast du immer verloren. Du bist wie eine Schlachtgans, die eine Zeit lang gemästet wird, um dann bei fröhlicher Musik gebraten und verspeist zu werden. Du hast dich getäuscht, das ist nicht dein Fest. Du hast dich getäuscht …

In solche trübsinnigen Gedanken vertieft, gelange ich schließlich ans Meeresufer. Kleine Wellen fressen missmutig Schneisen in das sandige Ufer. Die See bläst mir unfreundlich ihren nasskalten Atem entgegen. Fette Möwen zockeln gemächlich am Strand entlang und picken hier und da an irgendwelchen fauligen Substanzen. Aus ihren Augen starrt mir eine kalte, schwarze Leere entgegen. Die ganze Umgebung ist so kalt und feindselig, dass sie mir ein geradezu perfektes Abbild unserer Welt zu sein scheint.

Ein Obdachloser sammelt am Strand leere Flaschen. Ach, würdest du dich nur zum Kuckuck scheren, du alter Pennbruder – zu gern wäre ich allein. Aber nein, er scheint auf mich zuzukommen, wahrscheinlich auch noch, um mich anzubetteln. Besser, ich gehe wieder nach Hause. Dass man aber auch nirgends seine Ruhe hat! Wie müde ich bin! Diese Müdigkeit hängt ständig über mir wie ein Schleier, sogar in meiner Freizeit. Mein Leben gleicht dem eines Häftlings, der seine Strafe absitzt. Irgendwie kommt es mir so vor, als ob sich schon bald alles ändern müsse; ja, dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt; ich werde ein anderer sein und mich des Lebens freuen. Aber das alles liegt irgendwann in der Zukunft, und bis dahin muss ich mein trostloses Dasein als Zwangsarbeiter fristen. Ich warte und warte, doch jene Zukunft will einfach nicht anbrechen. Jetzt werde ich wie üblich mein fades Frühstück herunterwürgen und mich hinterher zur Arbeit schleppen, um mir eine eintönige Tätigkeit abzuverlangen, die für irgendjemanden von Belang sein mag – aber jedenfalls nicht für mich. Ein weiterer Tag meines beschwerlichen, sinnlosen Lebens …

Ich erwache durch das Rauschen der Morgensterne. Was für einen trostlosen Traum habe ich nur gehabt! Es ist, als sei ein Bruchstück meines früheren Lebens zu mir zurückgekehrt. Gut, dass es nur ein Traum gewesen ist! Ich räkele mich erleichtert, so ähnlich wie es mein Kater tut. Da liegt er, dieser Faulpelz, und streckt sich. Nur seine gespitzten Ohren zeigen an, dass er sich meiner Anwesenheit bewusst ist. “Steh auf, du Schnauzbart. Ich geh spazieren – kommst du mit? Ich habe einen sonnigen Tag bestellt und will ans Meer gehen.”

Während ich durch den Wald gehe, verliert sich das Rauschen der Morgensterne allmählich im vielstimmigen Chor der Vögel. Einer von ihnen mischt besonders eifrig mit und scheint “Futter! Futter!” zu rufen. Dort in den Büschen sitzt er, der kleine Tunichtgut. Wie gelingt es dir nur, so laut zu kreischen, du flaumiges Bürschelchen? Erstaunlich, dass mir das noch nie aufgefallen ist: Die Vogelarten haben völlig verschiedene Stimmen, und doch fällt keiner von ihnen durch Missklänge aus dem Rahmen. Zusammen lassen sie immer eine harmonische Symphonie erklingen, wie sie von keinem auch noch so begnadeten Orchester wiedergegeben werden kann.

Die Sonne sendet ihre Strahlen zwischen den Bäumen hindurch. Dieses zauberhafte Lichterspiel verleiht dem Wald eine solche räumliche Tiefe und den Farben eine solche Sattheit, dass die ganze Szenerie in ein wunderbares Hologramm verwandelt wird. Der Weg fuhrt mich sorgsam zum Meer. Die smaragdgrünen Wellen tuscheln leise mit der warmen Brise. Der leere Strand scheint sich endlos dahinzuziehen, aber ich empfinde eine innere Ruhe und Behaglichkeit, als hätte unsere überbevölkerte Welt diesen gemütlichen Winkel extra für mich ausgewählt. Es gibt Leute, die die uns umgebende Welt für Illusion halten, für etwas, was wir in unserer Vorstellung geschaffen haben. Nun, vielleicht entbehre ich einfach der nötigen Phantasie, um behaupten zu können, all diese Schönheit sei lediglich das Erzeugnis meiner Wahrnehmung.

Noch ganz bedrückt von meinem Traum, beginne ich mich an mein früheres Leben zu erinnern, das in der Tat trostlos und finster gewesen ist. Wie viele andere Menschen hatte auch ich sehr oft versucht, das von der Welt zu fordern, was mir angeblich zusteht. Die Welt jedoch hatte mir im Gegenzug eiskalt den Rücken zugekehrt. Andere, durch Erfahrung weise geworden, erklärten mir, die Welt würde nicht einfach nachgeben, man müsse sie vielmehr erobern. In der Folge versuchte ich mich im Kampf, aber auch so erreichte ich nichts, und schließlich gingen mir einfach die Kräfte aus. Meine Berater hatten auch für diesen Fall eine Antwort parat: “Du bist schlecht. Ändere dich zuerst, dann kannst du etwas von der Welt fordern.” So hatte ich mit mir selbst gekämpft, aber das erwies sich als noch mühsamer als meine vorherigen Versuche.

Dann träumte ich eines Tages, dass ich mich in einem Naturschutzgebiet befand. Ich war umgeben von unbeschreiblicher Schönheit. Hingerissen von der Pracht, wandelte ich durch den Park. Auf einmal begegnete mir ein aufgebrachter Alter mit grauem Bart; er schien mir der Aufseher des Naturparks zu sein. Schweigend begann er, mich zu beobachten. Ich ging zu ihm und wollte gerade etwas sagen, da bedeutete er mir eindringlich zu schweigen. In barschem Ton erklärte er mir, dass er nichts zu hören wünsche. Er sei die launischen, genusssüchtigen Besucher leid,

die ewig unzufrieden seien, ständig etwas forderten, viel Lärm machten und Berge von Müll hinterließen. Ich nickte verständnisvoll und ging weiter.

Die Einzigartigkeit des Naturparks hatte mich völlig verblüfft. Warum war ich noch nie hierher gekommen? Wie verzaubert, wanderte ich ziellos umher und betrachtete alles um mich herum. Es gibt keine passenden Worte, um die Vollendetheit der Natur angemessen zu beschreiben. Folglich herrschte in meinem Kopf eine Mischung aus Begeisterung und Leere.

Alsbald erschien der Aufseher erneut vor mir. Sein strenger Gesichtsausdruck hatte sich etwas gemildert, und er gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Wir erklommen den Kamm eines grünen Hügels, wo sich uns die Aussicht auf ein wunderschönes Tal bot, in dem eine Siedlung lag. Von der Anhöhe muteten die Häuser an wie Spielzeughäuschen, eingebettet in ein Meer von Laub und Blumen. Das Ganze sah aus wie die Illustration eines Märchens. Der schöne Anblick hätte mich zu Tränen gerührt, wäre er mir nicht irgendwie unwirklich erschienen. Ich schöpfte den Verdacht, dass es sich nur um einen Traum handeln konnte. Fragend blickte ich den Aufseher an, doch der grinste nur in seinen Bart, als wollte er sagen: “Wirst schon sehen!”

Während wir ins Tal hinabstiegen, fiel mir ein, dass ich mich gar nicht erinnern konnte, wie ich in den Naturpark gekommen war. Ich wollte von dem Alten eine Erklärung bekommen. Anscheinend machte ich eine plumpe Bemerkung darüber, wie glücklich sich diejenigen schätzen dürften, die inmitten solcher Schönheit lebten. Darauf entgegnete er gereizt: “Wer hindert dich denn daran, einer von ihnen zu sein?”

Ich hielt ihm die abgedroschene Phrase entgegen, nicht jeder werde mit einem goldenen Löffel im Mund geboren und sein Schicksal ändern könne niemand. Der Aufseher schien meine Worte gar nicht zu beachten und sagte: “Es steht jedem Menschen frei, sich ein beliebiges Schicksal zu wählen. Die einzige Freiheit, die wir haben, ist die Freiheit der Wahl. Jeder kann für sich wählen, was er will.”

Diese Aussage stellte meine Vorstellungen über das Leben ziemlich auf den Kopf, und erneut widersprach ich dem Alten. Der jedoch wollte einfach nicht hören und entgegnete: “Dummkopf! Du hast das Recht zu wählen, du nutzt es nur nicht. Du verstehst gar nicht, was es bedeutet zu wählen.” So ein Unsinn, dachte ich mir. Wie soll ich selber wählen können, was ich will? Ist etwa alles in dieser Welt erlaubt? Und plötzlich erkannte ich, dass alles nur ein Traum war. Ich stutzte, denn ich hatte keine Ahnung, wie ich mich in dieser seltsamen Situation verhalten sollte.

Soweit ich mich erinnern kann, erklärte ich dem Alten, dass er im Traum – und übrigens auch im Wachzustand – jeden nur erdenklichen Unsinn sagen könne und dass darin seine ganze Freiheit bestehe. Diese Bemerkung jedoch beeindruckte den Aufseher wieder nicht, und er lachte nur darüber. Ich erkannte die Absurdität der Situation (wieso sich im Traum mit jemandem auf eine Diskussion einlassen?) und überlegte mir schon, ob es nicht besser sei, einfach aufzuwachen. Als hätte der Alte meine Gedanken gelesen, sagte er: “Genug jetzt, wir haben wenig Zeit. Ich hatte nicht erwartet, dass sie mir einen solchen Dummkopf schicken würden. Trotzdem muss ich meine Mission erfüllen.”

Ich wollte wissen, was er mit “Mission” und wen er mit “sie” gemeint hatte. Er ignorierte jedoch meine Fragen und gab mir stattdessen ein Rätsel auf – ein ziemlich törichtes Rätsel, wie mir damals schien: “Jeder Mensch kann die Freiheit gewinnen, alles zu wählen, was er will. Hier kommt ein Rätsel für dich: Wie erlangt man diese Freiheit? Wenn du das errätst, werden deine Apfel gen Himmel fallen.”

Was denn für Äpfel? Ich verlor allmählich die Geduld und sagte, ich hätte nicht die Absicht, sein Rätsel zu lösen. Nur im Traum und im Märchen seien alle Wunder möglich, in der Realität hingegen fielen Äpfel immer auf die Erde. Darauf entgegnete er: “Das reicht. Gehen wir, ich muss dir etwas zeigen.”

Als ich aufwachte, musste ich leider erkennen, dass ich mich an die Fortsetzung des Traumes nicht erinnern konnte. Doch mir blieb die klare Empfindung, dass der Aufseher mir eine Information eingegeben hatte, die ich mit Worten auszudrücken nicht in der Lage war. In meinem Gedächtnis war nur ein einziges seltsames Wort hängen geblieben: Transsurfing. Und dann gab es da noch einen Gedanken, der mir nicht aus dem Kopf wollte, und zwar, dass ich mir keine Sorgen darum zu machen brauche, meine Welt einzurichten, da sie schon seit langem ohne mein Zutun geschaffen ist, und zwar zu meinem Wohl. Auch ist es nicht nötig, um einen Platz an der Sonne zu kämpfen – im Gegenteil, auf diese Weise werde ich ihn am wenigsten erreichen. Anscheinend verbietet mir niemand, mir jene Welt zu wählen, in der ich leben will.

Zuerst erschien mir die ganze Idee völlig absurd. Höchstwahrscheinlich hätte ich diesen Traum bald vergessen, doch dann machte ich zu meinem großen Erstaunen eine Entdeckung: In meinem Gedächtnis begannen sich immer klarere Erinnerungen davon abzuzeichnen, was der Aufseher unter dem Wort wählen verstanden hatte und wie man das praktisch tun konnte. Die Lösung für das Rätsel des Aufsehers kam sozusagen von selbst zu mir. Es war eine Art Wissen, das aus dem Nichts auftauchte. Täglich eröffneten sich mir neue Erkenntnisse, und jedes Mal war ich von Grund auf erstaunt, fast schon erschreckt darüber. Ich bin nicht imstande, rational zu erklären, woher dieses Wissen gekommen ist. Ich bin jedoch völlig überzeugt, dass es nicht in meinem Kopf entstanden ist.

Seitdem ich Transsurfing für mich entdeckt habe (genauer gesagt, seit ich mir erlaubt habe, mich damit zu beschäftigen), hat mein Leben einen neuen Sinn bekommen, um nicht zu sagen: einen Frohsinn. Jeder, der sich zumindest schon einmal kreativ betätigt hat, weiß, welche Freude und welche Befriedigung man aus dem Werk seiner eigenen Hände oder seines Geistes ziehen kann. Das ist jedoch nichts im Vergleich zum Erschaffen des eigenen Schicksals. Eigentlich ist der Ausdruck “Erschaffen des eigenen Schicksals” nicht ganz treffend. Transsurfing bedeutet vielmehr, sein Schicksal zu wählen, so ähnlich wie man eine Ware im Supermarkt auswählt. Wie das genau zu verstehen ist, das möchte ich in diesem Buch beschreiben. Sie werden erfahren, warum Apfel “gen Himmel fallen” können, was das “Rauschen der Morgensterne” ist, und viele andere außergewöhnliche Dinge.